Andreas Bee

 
Nachleuchtende Luminophore 


 Wie oft versuchen wir uns vorzustellen, wie es da ist, wo wir nicht sind, nicht sein dürfen oder nicht mehr hinkönnen. Wie war das am Anfang, damals, in der Kindheit? Wie wird es am Ende sein? Wie sieht es im Himmel aus, wie geht es in der Hölle zu?
Kann man mithilfe der Kunst verschlossene Grenzen öffnen und unbekannte Räume betreten? Rebekka Beischall versucht es jedenfalls. Sie nimmt uns in ihren Zeichnungen, Bildern und Filmen in Gebiete mit, in die sich nur wenige trauen. Wenn sie zum Beispiel im Film Hopscotch mit den Fingern der Hand noch einmal die Huckekästchen der Kindheit durchläuft, dann hüpfen und springen wir gleichsam mit ihr durch das Spiel, das uns nun wie ein Regelwerk des Lebens erscheinen will. Wir steigen auf und ab, fallen heraus und treten wieder ein. So lange, bis uns der Lauf der Dinge in Fleisch und Blut übergegangen ist und jene künstlerischen Freiräume entstehen, in denen sich geheimnisvolle Bilder, Texte und Töne einnisten können. Ist das aus dem Zopf fallende Geld Ausdruck von Glück und Freude oder von Zwang und Not? Steht der gedeckte Tisch für das Paradies auf Erden? Ist die brutale Faust Teil der Ordnungsmacht oder Ausdruck des zerstörerischen Bösen? Wer wäscht da seine Hände in Unschuld? Wozu verführt der Süßigkeitenautomat letztendlich die Kinder?
Die Mittel, mit denen die Künstlerin all dies und vieles mehr zur Anschauung bringt, sind bei einem leicht melancholischen Grundrauschen von derart intensiver Sinnlichkeit, dass man sich ihnen nur schwer entziehen kann. In einer Zeit, in der es so scheint, als habe die Kunst sich weitgehend einem befremdlichen Moralismus unterworfen und stelle das Gutgemeinte vor das Gutgemachte, wirken die stimulierenden Arbeiten Rebekka Beischalls im besten Sinne des Wortes unzeitgemäß. Sie bestehen letztlich alle mehr oder weniger aus vielschichtigen, phosphoreszierenden Ablagerungen, die erst in der Dämmerung ihre volle Kraft zur Geltung bringen. Dort aber erscheinen sie leicht und frei. Wie die tiefe Glocke nach dem letzten Schlag besonders intensiv nachklingt, so entfalten diese Arbeiten ihre ganze formale Schönheit in einem lang anhaltenden Nachleuchten.